Secondhand-Mode in der Schweiz: Zwischen Boom, Nachhaltigkeit und Marktmacht

Der rasant wachsende Markt für gebrauchte Mode

Der globale Markt für Secondhand-Bekleidung erlebt ein beispielloses Wachstum. Laut Statista wird er bis 2030 voraussichtlich 84 Milliarden Dollar erreichen – ein Sprung von 56 Milliarden in einem Jahrzehnt. In den USA allein betrug das Marktvolumen 2025 rund 56 Milliarden Dollar, was einem Zuwachs von 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Seit 2018 hat sich der amerikanische Secondhandmarkt um 143,5 Prozent vergrössert, der Resale-Bereich allein sogar um 650 Prozent. Besonders dynamisch entwickelt sich der Online-Handel: Die US-Fashion-Resale-Plattformen erzielten 2024 einen Umsatz von 16,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 18,5 Prozent gegenüber 2023.

Auch in der Schweiz gewinnt der Trend massiv an Bedeutung. Das Marktvolumen für Secondhand-Produkte (ohne Fahrzeuge) wurde für 2022 auf rund 1,5 Milliarden Franken geschätzt. Aktuell kaufen 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung Secondhand-Kleidung, wobei Umweltbewusstsein häufig wichtiger ist als der Preisvorteil. Die Branche rechnet damit, dass gebrauchte Kleidung bis 2030 rund 27 Prozent des globalen Kleiderschranks ausmachen könnte – mit dem Potenzial, Fast Fashion zu überholen.

Plattformen und Geschäftsmodelle im Wandel

Der Kampf um die Marktführerschaft

Lange dominierten Plattformen wie Ricardo, eBay und Tutti den Schweizer Markt. Ricardo allein verzeichnete 2023 einen Umsatz von 800 Millionen Franken und verkaufte über 6,5 Millionen Artikel. Seit 2021 gehört Ricardo zur Swiss Marketplace Group (SMG), die auch Tutti und Anibis kontrolliert und damit den grössten Teil des Online-Secondhandmarktes beherrscht.

Dieser Marktkonzentration hat sich das Zürcher Startup Marko entgegengestellt. Das Ende 2023 gegründete Unternehmen positioniert sich als "Zalando meets TikTok" und zielt speziell auf die Generation Z ab. Mit rund 500'000 Artikeln von knapp 300'000 Nutzern und einem wöchentlichen Transaktionsvolumen, das dem der ersten acht Monate entspricht, will Marko Ricardo als grössten Schweizer Marktplatz für Secondhandkleidung ablösen. Die Plattform kombiniert komfortables Online-Shopping mit Social-Media-Elementen: Nutzer können Verkäufern folgen, erhalten personalisierte Empfehlungen durch einen Algorithmus und profitieren von einem "Easy Shipping"-System sowie einem absoluten Rückgaberecht.

Recommerce und Refurbished-Modelle

Neben reinen Marktplätzen boomen Recommerce-Anbieter, die Produkte direkt ankaufen, aufbereiten und weiterverkaufen. Der deutsche Marktführer Momox und das schwedische H&M-Tochterunternehmen Sellpy prüfen und katalogisieren Kleidung in grossen Logistikzentren, wobei Momox etwa 97 Prozent der angekauften Ware auch verkaufen kann. In der Schweiz bieten Digitec Galaxus (mit 90 Prozent mehr Angeboten im Jahresvergleich) und der Outdoor-Anbieter Transa ähnliche Peer-to-Peer-Modelle an.

Für Luxusgüter und Designerstücke haben sich spezialisierte Plattformen wie Vestiaire Collective etabliert, während im Budget-Segment Vinted und Depop dominieren. Interessanterweise experimentieren auch traditionelle Fast-Fashion-Riesen wie Zara mit eigenen Pre-Owned-Bereichen, um am Secondhand-Trend teilzuhaben.

Nachhaltigkeit: Lösung oder neues Problem?

Ökologische Vorteile

Secondhand trägt massiv zur Kreislaufwirtschaft bei. Jeder Kauf gebrauchter Kleidung vermeidet die Neuproduktion und spart Ressourcen. Laut einer US-Studie werden pro Secondhand-Artikel durchschnittlich 8,41 Pfund CO2-Emissionen, 16,48 kWh Energie und 88,89 Gallonen Wasser gegenüber dem Neukauf eingespart. Die Textilindustrie verursacht rund zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und ist der drittgrösste Verursacher von Plastikmüll weltweit. Die durchschnittliche Schweizerin und der durchschnittliche Schweizer kaufen jährlich rund 16 Kilogramm Kleidung – mehr als doppelt so viel wie im europäischen Ausland – wobei etwa 70 bis 80 Prozent der Kleidungsstücke im letzten Jahr nicht getragen wurden.

Das Paradox des Überkonsums

Trotz der ökologischen Vorteile birgt der Boom Risiken. Kritiker warnen vor der "Fast-Fashionisierung" des Secondhand-Marktes. Plattformen nutzen ähnliche Mechanismen wie Fast Fashion: ständige Neuheiten, Push-Benachrichtigungen und die Angst, ein Schnäppchen zu verpassen. Studien zeigen, dass trotz wachsendem Secondhand-Handel auch die Fast-Fashion-Verkäufe weiter steigen. Das bisherige Konsummuster scheint sich somit nicht grundlegend zu ändern, sondern lediglich zu erweitern.

Besonders problematisch ist die Flut an Ultra Fast Fashion von Shein und Temu. Diese Billigprodukte sind oft so minderwertig, dass sie sich nicht für den Wiederverkauf eignen. Dennoch fluten sie den Markt und landen schliesslich als Müll auf Deponien in Ländern des Globalen Südens, etwa am Kantamanto-Markt in Ghana, wo täglich tonnenweise gebrauchte Kleidung ankommt. Organisationen wie Caritas sortieren solche Artikel zunehmend aus, da ihre Qualität den Ansprüchen nicht genügt.

Qualität und Transparenz

Ein weiteres Problem ist die schlechte Qualität vieler gebrauchter Textilien, insbesondere polyesterbasierte Fasern, die Mikroplastik beim Waschen abgeben und schnell unbrauchbar werden. Fashion Revolution Schweiz betont, dass Secondhand nur ein Puzzleteil der Kreislaufwirtschaft ist. Notwendig seien auch verbindliche Rücknahmepflichten, transparente Entsorgungswege und eine Design-Philosophie, die Langlebigkeit priorisiert.

Die Generation Z als Konsumrevolutionäre

Junge Menschen zwischen 1995 und 2010 treiben den Wandel am stärksten voran. In den USA haben 83 Prozent der Gen-Z-Konsumenten entweder Secondhand gekauft oder interessieren sich dafür; 34 Prozent shoppen bevorzugt zuerst bei Secondhand-Anbietern. In Deutschland sind es 65 Prozent dieser Altersgruppe. Die Motivation ist dabei vielschichtig: Neben ökonomischem Druck durch steigende Lebenshaltungskosten und einem rebellierten Bewusstsein gegenüber Fast Fashion spielt der Wunsch nach Individualität eine zentrale Rolle. Gebrauchte Kleidung ermöglicht einzigartige Looks, die sich von massenproduzierten Trends abheben.

Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram haben Thrifting zur kulturellen Bewegung gemacht. Vintage-Funde werden gezeigt, gestylt und gefeiert, was den Stigma-Verlust von gebrauchter Kleidung beschleunigt. Gleichzeitig nutzen diese Plattformen dieselben psychologischen Trigger wie Fast Fashion, was das bewusste Konsumieren erschwert.

Marktmacht und regulatorische Herausforderungen

Die Konzentration auf wenige Plattformbetreiber führt zu Spannungen. Marko hat bei der Eidgenössischen Wettbewerbskommission (Weko) Beschwerde gegen die Swiss Marketplace Group eingereicht. Der Vorwurf: SMG nutze ihre marktbeherrschende Stellung durch das Verknüpfen von Ricardo, Tutti und Anibis unfair aus, um Transaktionen auf Ricardo zu konzentrieren, wo Gebühren anfallen. Die Weko untersucht bereits die Marktmacht der SMG im Immobilienbereich und prüft nun auch diese Vorwürfe.

In Schweizer Kellern schlummern laut Schätzungen Waren im Wert von 16 Milliarden Franken, die den Kreislauf verlassen könnten. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es einerseits technologische Innovationen wie personalisierte Algorithmen und vereinfachte Versandprozesse, andererseits aber auch regulatorische Rahmenbedingungen, die den Export von minderwertiger Kleidung in den Globalen Süden einschränken und echte Kreislaufwirtschaft fördern. Die Zukunft des Secondhand-Marktes wird davon abhängen, ob er das Konsumwachstum bremsen oder nur verschieben hilft.