Secondhand-Boom in der Schweiz: Zwischen Nachhaltigkeit und neuen Geschäftsmodellen
Marktentwicklung und Bedeutung
Der Handel mit gebrauchten Waren erlebt in der Schweiz und weltweit einen regelrechten Boom. Während das weltweite Marktvolumen für Secondhand-Produkte im Jahr 2024 auf über 500 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, liegt der Schweizer Markt bei rund 1,7 Milliarden Franken (ohne Fahrzeuge). Für die kommenden Jahre prognostizieren Experten ein jährliches Wachstum von rund zehn Prozent.
Die Verbreitung ist beeindruckend: Fast sechs von zehn Schweizer E-Shopper greifen zu Secondhand-Produkten, und knapp fünf von zehn nutzen Online-Plattformen zum Verkauf eigener Gebrauchtwaren. Laut einer Auswertung des E-Shopper Barometers von DPD stieg der Anteil der Nutzer von Online-Handelsplattformen für den Kauf oder Verkauf von Secondhand-Produkten in den vergangenen zwei Jahren von 76 auf 82 Prozent an.
Die Rolle der Generation Z
Besonders die jüngere Generation treibt den Trend voran. Bei der Generation Z, also den zwischen 1995 und 2010 Geborenen, hat Secondhand einen besonderen Stellenwert. Influencer werben bewusst für gebrauchte Kleidung und präsentieren ihre Fundstücke online, was Teenager zum Wettbewerb um individuelle Schätze animiert. Für diese Gruppe ist Secondhand oft Statussymbol – sie erzählen mit Stolz, was sie gebraucht gekauft haben.
Anbieter und Plattformen
Die Schweizer Secondhand-Landschaft ist vielfältig und fragmentiert. Im Gegensatz zu anderen Ländern fehlen hierzulande dominante Anbieter wie die europäische Plattform Vinted. Stattdessen konkurrieren verschiedene Modelle miteinander.
Online-Marktplätze und Digital Commerce
Der etablierte Marktplatz Ricardo dominiert das Segment: Im Jahr 2025 waren rund 69 Prozent aller eingestellten Angebote und 70 Prozent der erfolgreich verkauften Artikel Secondhand. Die Swiss Marketplace Group, zu der Ricardo gehört, plant einen Börsengang mit einer angestrebten Marktkapitalisierung von 4,2 bis 4,5 Milliarden Franken.
Der 2023 gegründete Onlinemarktplatz Marko positioniert sich als Zalando für Gebrauchtes und will Ricardo als grössten Schweizer Marktplatz für Secondhandkleidung ablösen. Mit rund 500'000 Artikeln von knapp 300'000 registrierten Nutzern setzt Marko auf ein besonders komfortables Shopping-Erlebnis mit Filterfunktionen, algorithmusbasierter Kuratierung und einem absoluten Rückgaberecht. Besonders beliebt ist das «Easy Shipping»-Modell, bei dem Verkäufer vorgefrankierte Etiketten erhalten.
Auch Digitec Galaxus hat sein Re-Commerce-Angebot vereinfacht und ermöglicht den Versand mit vorfrankierten Etiketten. Spezialisierte Anbieter wie Secondklick fokussieren sich auf Mode aus verschiedenen Preisstufen und bieten über 3'000 Artikel für Damen, Herren und Kinder an.
Stationärer Handel und Spezialisten
Neben Online-Plattformen gibt es traditionelle Secondhand-Läden, auch Brockenhäuser oder Brockis genannt. Hier können Menschen gebrauchte Kleider, CDs oder Möbel spenden, die dann verkauft werden. Für Outdoor-Bekleidung gibt es spezialisierte Shops wie «2nd Peak», die gebrauchte Ware prüfen, reinigen und reparieren, bevor sie weiterverkauft wird.
Motivationen und Kaufverhalten
Die Gründe für den Kauf gebrauchter Ware sind vielfältig und oft miteinander verknüpft.
Preis und Nachhaltigkeit
Für Käufer steht zunächst der Preis im Vordergrund. Secondhand-Artikel sind oft deutlich günstiger als Neuware – Kleidungsstücke für wenige Franken oder Möbel für einen Bruchteil des Neupreises. Gleichzeitig wird die Unterstützung der Kreislaufwirtschaft als wichtige Motivation genannt.
Der Umweltaspekt ist erheblich: Die Textilindustrie verursacht nach Schätzungen zehn Prozent der globalen CO2-Emissionen und ist für bis zu acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Gleichzeitig landen etwa 85 Prozent der produzierten Kleidung ungetragen im Müll. In der Schweiz kaufen die Menschen rund 16 Kilogramm Kleidung pro Person und Jahr – mehr als doppelt so viel wie im europäischen Ausland. Dabei wird jedes vierte gekaufte Kleidungsstück nie getragen.
Individualität und Vintage-Trend
Über ökologische und finanzielle Aspekte hinaus bietet Secondhand die Möglichkeit, einen individuellen Stil zu entwickeln. Vintage-Mode, also klassische oder altmodische Gegenstände, erlebt einen Aufschwung. Viele suchen nach Einzelstücken, die sich von der Masse abheben. Flohmärkte und Vintage-Läden bieten ein unverwechselbares Einkaufserlebnis, bei dem Kunden die Ware persönlich begutachten können.
Herausforderungen und kritische Betrachtung
Trotz der positiven Aspekte birgt der Secondhand-Trend auch Probleme und Strukturdefizite.
Logistik und Steuerrecht
Die Handhabung gebrauchter Ware erfordert erheblichen logistischen Aufwand. Jedes Teil wird einzeln angekauft, begutachtet, verhandelt, fotografiert und erfasst – bei manchen Anbietern werden Artikel sogar gewaschen, gereinigt und repariert, bevor sie den Onlineshop erreichen. Diese «Schweizer Handarbeit» zu fairen Löhnen führt zu höheren Kosten, die sich in den Preisen widerspiegeln.
Zusätzlich besteht eine steuerliche Benachteiligung: Während klassische Händler beim Einkauf die Vorsteuer abziehen können, ist dies bei der Wiederverwendung gebrauchter Waren von Privatpersonen nicht möglich. Secondhand-Unternehmen müssen auf den Verkaufspreis Mehrwertsteuer zahlen, ohne zuvor eine Vorsteuer geltend machen zu können.
Rebound-Effekt und Überkonsum
Kritiker weisen darauf hin, dass Secondhand kein Freifahrtschein für übermäßigen Konsum ist. Günstige Preise können dazu verleiten, mehr zu kaufen als nötig. Studien zeigen, dass zwar vermehrt Secondhandkleidung gekauft wird, dies aber nicht dazu führt, dass der Umsatz von Neuware sinkt. Stattdessen nimmt der Gesamtkonsum zu.
Auch Transportwege müssen berücksichtigt werden. Während lokale Geschäfte Emissionen durch Heizung und Beleuchtung verursachen, fallen beim Online-Handel Verpackungsmaterial und Versandwege an. Dennoch bleibt die Logistik von Secondhand deutlich umweltfreundlicher als die Neuproduktion und der Transport neuer Ware aus Fernost.
Ausblick: Kreislaufwirtschaft in der Schweiz
Die Zukunft des Secondhand-Marktes ist eng mit der Entwicklung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft verknüpft.
Kommunale Initiativen
Die Stadt Zürich setzt neue Massstäbe in der Textilentsorgung. Ab 2026 übernimmt die Firma Tell-Tex AG die Sortierung und Verwertung der Stadtzürcher Altkleider. Ziel ist es, die Textilien so zu sortieren, dass sie in passender Menge und Qualität in den lokalen Secondhand-Markt gelangen. Gleichzeitig wird ein Faser-zu-Faser-Recycling aufgebaut, um nicht mehr verwertbare Textilien in Recycling-Garne umzuwandeln. Diese reduzieren die Treibhausgasemissionen im Vergleich zur Herstellung neuer Kleidungsstücke erheblich.
Initiativen wie der Secondhand Day, der am 8. November 2025 in Zürich stattfindet, feiern den Konsum von Gebrauchtwaren mit Flohmärkten, Tauschmarkt und Community-Events.
Zusammenarbeit von Neu- und Gebrauchtware
Zukunftsweisend könnte die Kooperation zwischen Herstellern und Secondhand-Händlern sein. Einige Modelabels nehmen bereits gebrauchte Kleidung zurück, um diese weiterzuverkaufen oder zu recyceln. Experten plädieren dafür, dass Neuware- und Secondhand-Geschäfte sich «befreunden» sollten – beispielsweise durch Gutscheinmodelle, bei denen Kunden beim Kauf neuer Artikel ihre alte Kleidung bei Secondhand-Händlern abgeben können.
Mit einem potenziellen Warenwert von 16 Milliarden Franken in Schweizer Kellern – so die Schätzung der Swiss Marketplace Group – bleibt das Wachstumspotenzial für den Secondhand-Markt erheblich. Die Herausforderung besteht darin, diese Ressourcen in eine wirklich nachhaltige Konsumkultur zu transformieren, ohne dabei in neue Konsumfallen zu tappen.