Brockenhaus: Die Geschichte und Vielfalt der Schweizer Secondhand-Kultur

Was ist ein Brockenhaus?

Ein Brockenhaus, auch Brockenstube, Brockenhalle oder kurz Brocki genannt, ist ein Gebrauchtwarenladen, in dem sich preiswert gebrauchte Alltagsgegenstände erwerben lassen. Der Begriff etablierte sich in der Schweiz seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und ist heute landestypisch für Secondhand-Läden verschiedenster Art.

Die Bezeichnung leitet sich von der Bibelstelle Johannes 6,12 ab, wo Jesus bei der Speisung der Fünftausend seine Jünger anleitet: „Sammelt die übrigen Brocken, auf daß nichts umkomme!“ Dieses Zitat zierte auch den Eingang der ersten Brockensammlung, die der deutsche Theologe Friedrich von Bodelschwingh 1891 in Bielefeld eröffnete.

Von der Wohltätigkeit zur Institution

Die Anfänge in Deutschland und der Schweiz

Friedrich von Bodelschwingh, Gründer der Bethelmission, schuf 1872 eine „Anstalt für Fallsüchtige“ und eröffnete 1891 eine Sammel- und Verkaufsstelle für gebrauchte Waren, deren Ertrag zur Finanzierung seines sozialen Werkes diente. In der Schweiz entstanden ab etwa 1895 ähnliche Einrichtungen durch die Heilsarmee und andere Organisationen wie den Verein für Arbeitsbeschaffung in Bern.

Der Begriff „Brockenhaus“ entstand in den 1890er Jahren in Anlehnung an Bodelschwinghs Modell. Während der Philanthrop Julius Müller ein solches Haus in Berlin gründete, entstand 1904 der „Verein Zürcher Brockenhaus“ nach dem Münchner Vorbild. Heute ist der Begriff in weiten Teilen Deutschlands unbekannt – in der Schweiz jedoch allgegenwärtig.

Karitative Träger und Arbeitsintegration

Ursprünglich dienten Brockenhäuser der Finanzierung sozialer Projekte und der Beschäftigung von Menschen, die sonst schwer vermittelbar waren. Diese Tradition setzt sich fort: Viele Brockis werden noch heute von karitativen Organisationen geführt und bieten Arbeitsplätze für Menschen in der Integration oder mit Behinderungen.

Zu den grossen Trägern gehören die Heilsarmee mit rund 20 Filialen in der Schweiz, das Blaue Kreuz mit etwa 22 Standorten sowie HIOB International (Hilfsorganisation Brockenstuben) mit 24 Filialen. Auch die Emmaus-Organisation und diverse Frauenvereine betreiben Brockenhäuser. Der Erlös fliesst vollumfänglich in soziale Projekte.

Ausbreitung und moderne Formen

In jüngerer Zeit treten vermehrt privat und rein kommerziell geführte Altwarenhändler als „Brockenhaus“ oder „Brocki“ auf, da der Begriff in der Schweiz allgemein für Secondhand-Läden steht. Neben physischen Geschäften gibt es auch Online-Plattformen wie „tutti.ch“, die dasselbe Ziel verfolgen. In Vorarlberg (Österreich) betreibt die Lebenshilfe seit 2002 Brockenhäuser in Lochau und Sulz, die sowohl als Fundgrube als auch als Ausbildungsort dienen.

Kultur und Events im Brockenhaus

Brockenhäuser haben sich längst zu kulturellen Treffpunkten entwickelt. Die Veranstaltungsreihe „Kultur im Brockähuis“ der Job-Vision in Nidwalden bietet Konzerte in ungewöhnlicher Kulisse. Auch das Kramer Brocki in Lenzburg oder das Neustadt-Brocki veranstalten Live-Konzerte.

Besonders kreativ wird es beim Circus Monti: In der Show „Bric Brac“ verwandelt sich die Manege in ein geheimnisvolles Brockenhaus, in dem Akrobaten zwischen alten Spiegeln und vergilbten Bildern Geschichten erzählen. Das Zürcher Brockenhaus wiederum organisiert Gartenausstellungen und saisonale Events.

Medial begleitet wird die Szene durch die SRF-Sendung „Die Brocki-Profis“, in der Experten wie Sabine Reusser und Bernhard Jost bei der Verwertung von „Garagengold“ helfen und neue Besitzer für ausgesonderte Schätze finden.

Die besten Brockis und Shopping-Tipps

Regionale Highlights

In Zürich gilt das Arche Brockenhaus in Altstetten als Geheimtipp – mit einer Rutsche zwischen den Stockwerken und regelmässigen Upcycling-Events. Das Zürcher Brockenhaus (das „Rosa Haus“) punktet mit Antiquitäten, während die Heilsarmee-Brocki an der Hardbrücke drei Stockwerke Secondhand-Waren bietet.

In Bern ist die Bärner Brocki in der Lorraine ein professionell geführtes Kaufhaus mit integriertem Café „zytlos“, das Menschen in der Arbeitstraining-Phase beschäftigt. Das Clara-Brocki in Basel wurde weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und belieferte sogar Konzert- und Theaterbühnen mit Requisiten.

Tipps für erfolgreiches Stöbern

  • Regelmässigkeit zahlt sich aus: Wer wochentags und wiederholt vorbeischaut, hat die besten Chancen auf frisch eingetroffene Fundstücke.
  • Offen bleiben: Fixe Vorstellungen bremsen die Entdeckungsfreude aus. Brocki-Fans suchen Stücke mit Charakter, nicht nach Marken.
  • Qualität prüfen: Polstermöbel und Textilien sollten vor dem Kauf auf Gerüche getestet werden. Kratzer verleihen Charme, aber defekte Scharniere oder zerrissene Polster sind oft nicht lohnenswert.
  • Ausserhalb der Zentren suchen: In ländlichen Regionen und kleineren Städten sind die Chancen auf unerkannte Designklassiker höher.

Herausforderungen und Zukunft

Trotz ihrer Popularität stehen einige Brockenhäuser vor Problemen. Die Blaukreuz-Brocki in Derendingen musste 2025 nach nur zwei Jahren wieder schliessen. Auch das Basler Clara-Brocki sah sich 2017 mit der Räumung konfrontiert, als die Liegenschaft verkauft wurde. Zudem grasen heute vermehrt Profi-Händler die Läden ab, was den Wettbewerb für Privatkäufer erhöht.

Doch die Zukunft hat auch neue Konzepte hervorgebracht: Neben klassischen Möbeln und Kleidern gibt es spezialisierte Angebote wie den ersten Pflanzenbrocki in Zürich-Altstetten oder das Antik Brocki in Sursee, das sich als Eventlocation für bis zu 100 Personen vermieten lässt. Als Inspirationsquellen für nachhaltiges Wohnen im Boho- oder Shabby-Chic-Stil bleiben die Brockenhäuser unverzichtbare Institutionen der Schweizer Kulturlandschaft.